Anlässlich des World Spine Day am 16. Oktober stellen wir ein Berufsbild vor, das klinische Expertise mit pflegerischer Nähe verbindet: Pflegeexpertinnen und Pflegeexperten APN begleiten auf der Neurochirurgie Patientinnen und Patienten nach einem Wirbelsäuleneingriff, koordinieren die Behandlung und schaffen Kontinuität. Helene Schenk erzählt, wie vielseitig ihre Aufgaben als Pflegeexpertin sind.
9 Uhr morgens. Helene Schenk, Advanced Practice Nurse oder kurz APN am Inselspital, hat die Morgenbesprechung mit dem ärztlichen Wirbelsäulenteam bereits hinter sich. Gemeinsam hat sich das Team einen aktuellen Überblick verschafft: Wie geht es den Patientinnen und Patienten auf Station? Wie haben sich ihre Beschwerden entwickelt? Welche Untersuchungen stehen an? Und was braucht es für eine sichere Rückkehr nach Hause oder den Übertritt in eine Rehabilitation?
Anschliessend geht Helene Schenk auf Visite. Sie untersucht Patientinnen und Patienten, erkundigt sich nach Symptomen und bespricht mit ihnen die nächsten Schritte. Gemeinsam mit der Pflege und dem ärztlichen Team beurteilt sie, ob Medikamente angepasst, weitere Fachpersonen beigezogen oder zusätzliche Massnahmen organisiert werden müssen. Auch für Fragen und Sorgen der Angehörigen hat sie ein offenes Ohr.
«Wir sind für viele Anliegen die erste Ansprechperson», sagt Helene Schenk. «Gleichzeitig bilden wir ein Bindeglied zwischen den Patientinnen und Patienten, ihren Angehörigen, der Pflege, den Ärztinnen und Ärzten und den Therapien.»
Pflegefachperson mit erweitertem Kompetenzprofil
APN steht für Advanced Practice Nurse. Pflegeexpertinnen und -experten APN verfügen über eine Pflegeausbildung an einer Fachhochschule, klinische Berufserfahrung und ein spezialisiertes Masterstudium in Pflegewissenschaften (MSc). APNs verbinden pflegerische Nähe mit vertieftem klinischem Fachwissen.
Eine Besonderheit der Neurochirurgie am Inselspital ist die Doppelrolle der Pflegeexpertinnen und Pflegeexperten APN. In der sogenannten «blended role» verbinden sie zwei Aufgabenbereiche: Einerseits sind sie als Nurse Practitioner direkt in die klinische Versorgung der Patientinnen und Patienten eingebunden. Gleichzeitig übernehmen sie als Clinical Nurse Specialist (CNS) Aufgaben in der Qualitätsentwicklung, optimieren klinische Abäufe und unterstützen die Pflegeteams fachlich in komplexen Situationen.
«Wir arbeiten jeden Tag in beiden Funktionen», erklärt Helene Schenk. «Gerade diese Verbindung von erweiterter klinischer Tätigkeit und fachlicher Weiterentwicklung macht die APN-Rolle auf der Neurochirurgie am Inselspital besonders.»
Dabei ersetzen APNs weder die Pflege noch die Ärzteschaft. Die allgemeine pflegerische Versorgung bleibt Aufgabe der Pflegefachpersonen. Klinische Entscheidungen und Verordnungen erfolgen innerhalb klar geregelter Kompetenzen und in Absprache mit dem ärztlichen Team.
Helene Schenk gehört zum dreiköpfigen APN-Team für Wirbelsäulenpatientinnen und -patienten. Im klinischen Dienst betreut sie durchschnittlich zehn bis zwölf Menschen am Tag.
Unterstützung in einer belastenden Situation
Die Begleitung beginnt mit dem Eintritt auf die Station. Viele Patientinnen und Patienten haben zu diesem Zeitpunkt bereits eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Manche leben seit Monaten oder Jahren mit Schmerzen und Einschränkungen. Andere sorgen sich vor möglichen Folgen der Operation.
«Bei Eingriffen in der Nähe des Rückenmarks ist die Angst vor Lähmungserscheinungen immer wieder ein Thema», erzählt Helene Schenk. «Menschen mit einer langen Krankheitsgeschichte fragen sich zudem häufig, ob die Operation tatsächlich etwas bringen wird.»
Einfache Antworten gibt es darauf nicht. Eine Wirbelsäulenoperation bedeutet nicht automatisch, dass sämtliche Beschwerden sofort verschwinden. Umso wichtiger ist es, gemeinsam realistische Erwartungen zu klären und erreichbare Ziele festzulegen.
«Die Patientinnen und Patienten sollen keine falschen Hoffnungen haben», sagt Helene Schenk. «Gleichzeitig sollen sie aber auch nicht mit einer negativen Einstellung in die Behandlung gehen.»
Wieder Vertrauen in den Körper gewinnen
Nach einer Wirbelsäulenoperation ist eine frühe, an die individuelle Situation angepasste Mobilisation wichtig. Die Patientinnen und Patienten sollen möglichst bald wieder aufstehen und schrittweise in ihren Alltag zurückfinden. Dabei brauche es jedoch Geduld, betont Helene Schenk.
Schmerzen unmittelbar nach einer Operation sind nicht ungewöhnlich. Eine angemessene Schmerztherapie kann helfen, wieder in Bewegung zu kommen. Manche Patientinnen und Patienten sind mit Schmerzmedikamenten zurückhaltend. Im Gespräch erklärt Helene Schenk deshalb, weshalb die Behandlung akuter Schmerzen in der ersten Phase der Genesung wichtig ist.
Neben der körperlichen Erholung geht es auch um grundlegende Fragen: Was darf ich meinem Rücken zumuten? Welche Beschwerden sind normal? Und wie kann ich meinen Bewegungen wieder vertrauen?
«Ganz wichtig ist, dass die Patientinnen und Patienten wieder Vertrauen in ihren Körper aufbauen», sagt Helene Schenk. «Sie müssen die Erfahrung machen können, dass ihr Körper wieder funktioniert.»
Damit die Rückkehr nach Hause gelingt
Bereits während des Spitalaufenthalts bereitet die APN gemeinsam mit den Patientinnen und Patienten die Zeit nach dem Austritt vor. Dabei berücksichtigt sie den Allgemeinzustand, das soziale Umfeld und die Situation nach dem Spitalaustritt: Ist eine Rehabilitation sinnvoll? Können sich die Betroffenen zu Hause selbstständig bewegen und versorgen? Braucht es Unterstützung durch die Spitex? Benötigen die Angehörigen zusätzliche Informationen?
Eine Rehabilitation kommt insbesondere infrage, wenn bereits vor dem Eingriff Einschränkungen der Bewegung oder der Körperempfindung bestanden oder wenn Betroffene aufgrund von Schmerzen und langer Inaktivität stark an Kraft und Ausdauer verloren haben.
Ansprechperson auf Augenhöhe
Während des stationären Aufenthalts begleitet Helene Schenk die Patientinnen und Patienten in einer besonders verletzlichen Phase. Ihr pflegerischer Hintergrund schafft dabei häufig einen niederschwelligen Zugang: Vielen Betroffenen fällt es leichter, ihr Fragen zu stellen oder Sorgen anzusprechen, die sie gegenüber Ärztinnen und Ärzten möglicherweise zurückhalten. «Wir haben oft die Möglichkeit, innerhalb kurzer Zeit ein Vertrauensverhältnis aufzubauen», sagt sie. Viele Anliegen kann sie direkt klären, andere leitet sie gezielt an die zuständigen Fachpersonen weiter.
Auch fordernden Begegnungen versucht sie mit Offenheit zu begegnen. Hinter einem abweisenden Verhalten stehe häufig eine belastende Geschichte. «Unsere Patientinnen und Patienten befinden sich in einer Ausnahmesituation – manche schon seit sehr langer Zeit», sagt Helene Schenk. «Wenn ein Mensch chronische Schmerzen hat und dadurch stark in seiner Lebensqualität eingeschränkt ist, ist es sehr wichtig, ihm zuzuhören und ihn in seiner Situation ernst zu nehmen.»
Gerade diese Verbindung von menschlicher Nähe und klinischem Fachwissen schätzt Helene Schenk an ihrer Aufgabe. Sie begleitet Patientinnen und Patienten und ihre Angehörigen, führt klinische Untersuchungen durch, entwickelt gemeinsam mit anderen Berufsgruppen Massnahmen und gibt ihr Wissen weiter.
«Meine Arbeitstage sind lang, gehen aber sehr schnell vorbei, weil die Arbeit so abwechslungsreich ist», sagt sie. «Mir fehlt nichts: Ich habe alles, was ich spannend finde, in einem Beruf.»
World Spine Day #worldspineday
Jedes Jahr am 16. Oktober findet der Weltwirbelsäulentag (#worldspineday) statt. Er gilt als grösste internationale Initiative, um auf die zunehmende Belastung durch Wirbelsäulenerkrankungen aufmerksam zu machen. Der Tag bietet eine wichtige Plattform, um Menschen über Möglichkeiten der Vorbeugung und moderne Behandlungsmethoden, wie minimalinvasive Eingriffe, zu informieren. Mit rechtzeitigen Therapien lässt sich die Lebensqualität vieler Betroffener deutlich verbessern.
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